Da gab es Sachen, Einhundertvierundfünfzig

Stichwort von Phettberg: „Etwas regelmäßig machen“

Wo war ich stehen geblieben? Und wann?

Vor nicht ganz zehn Jahren hätte der 154. Teil meiner Internetkolumne erscheinen sollen. Heute heißt so etwas blog und das gibt mir die Möglichkeit mich alt zu fühlen und starrsinning an meiner Bezeichnung Internetkolumne festzuhalten.

Und nun bemerke ich, dass ich wieder eine Mitteilungsbedürftigkeit in mir habe. Ein Drängen das mich zwingt ein paar Stunden pro Woche über alles zu schreiben das in meinem sonstigen Schreiben keinen Platz findet. Eine Sehnsucht nach dem Reden über das Banale, Alltägliche und Langweilige.

Also Politik.

Es wird mir bei dieser Wahl wirklich nicht leicht gemacht. Kanzler Kern als rote Hoffnung hat mein Wahlverhalten nicht bedroht, auch wenn ich ihn gern in dieser Position sehe und auch weiterhin sehen würde. Allerdings hat er da noch diesen breitgefächerten Apparat namens SPÖ hinter sich: Eine Partei die eine Bandbreite verkörpert von „Ja, genau, endlich werden die wichtigen Probleme angesprochen“ über „Eh lieb, aber die Zeit des Klassenkampfes für Vollzeit-Arbeiter ist schon eine Weile her“ bis „Warum ist der nicht bei der FPÖ?“.

Aber dann kam der Spalter Pilz. Zuerst war meine Hoffnung, dass er sich nicht wichtig macht, dass er die Partei mit seiner Expertise unterstützt und hoffentlich möglichst bald wieder eine ordentliche Funktion bekleiden kann. Ich respektiere das basisdemokratische innerparteiliche System der Grünen – in Deutschland sind alle Parteien dazu verpflichtet ihre Listen so zu bestimmen – aber auf diesem Bundeskongress ist ein gewaltiger, dummer, von persönlichen Abneigungen angetriebener Fehler passiert. Pilz seinen Listenplatz zu nehmen war legitim, aber tödlich.

Für mich war Pilz schon in meiner Jugend ein wichtiger Politiker. Noch bevor ich wählen durfte und als ich politisch noch zum LiF tendiert hätte – die EU-verweigernden Grünen hätte ich nicht vertreten können – habe ich seine Bücher gelesen und die Arbeit im Parlament verfolgt. Und das hat sich seither nicht geändert.

Dennoch war ich bei Bekanntgabe seiner eigenständigen Kandidatur zuerst enttäuscht. Eine Kannibalisierung der Grünen, eine Zersplitterung des linken „Lagers“ und ein Kandidat mehr, der sich dieser angesagten „Bewegung“-Bewegung anschließt. Macron ist sexy und hat den Trend gut verkauft – spätestens seit Kurz ein türkises Bewegungs-Mascherl um die staubige ÖVP gebunden hat fühlt es sich aber so originell an wie jemand der in Neubau mit großer, nichtoptischer Brille und Stoffsackerl unterwegs ist.

Darüberhinaus halte ich die Entwicklung weg von klassischen Strukturen hin zu medialen Persönlichkeits-Hypes für eine ernste Gefahr für die Demokratie. Es lässt sich ohnehin nicht mehr verhindern, dass politische Berichterstattung kaum etwas mit Themen zu tun hat und sich eher anfühlt wie eine unheilige Mischung aus Sportkommentar und Reality Show.

SPORTKOMMENTATOR

Kern wurde gerade eingewechselt, und ja, er kann den in Führung liegenden Strache einholen, aber was passiert jetzt? Unglaublich! Mitterlehner hat sich verletzt, schon der zweite ÖVP-Chef der in diesem Rennen ausscheidet! Aber ist es noch zu früh für den vielversprechenden U-15 Meister Sebastian Kurz?

REALITY SHOW MODERATOR

Ja, wir sind hier in der Lounge wo wir mit den Politikern in ihren jeweiligen Kammern mitfiebern, wer hält wie lange durch, wer kann seine Kandidatur möglichst lange verbergen? Und können Kurz und Strache besser miteinander als Kern und Strache? Wer wird wohl miteinander im Bett landen? Kern schließt einen Partnerwechsel jedenfalls nicht mehr aus. Ahja und die Grünen haben wieder ein bisschen mit dem Nachwuchs gestritten.

SPORTKOMMENTATOR

Ja, hier aber will Kern die Energie weiter hoch halten in seinem Rennen, er deckt nach links UND rechts ab und lässt sich von der ÖVP nicht zu einem Vorzeitigen Rennabbruch überreden – ein Manöver das die Schwarzen regelmäßig anwenden und das ihnen nur einmal geholfen hat. Sie scheinen einfach kein Durchhaltevermögen zu haben, aber sie schaffen es immer wieder auch ihre roten Kontrahenten in einer innigen Umarmung von jeglichem Weiterkommen abzuhalten.

Und jetzt passiert es! Unfassbar! Kurz wird eingewechselt! Er will aber noch nicht selbst laufen und überlässt Brandstetter das Bremsen. Kluger Schachzug, so hat Kurz mehr Kraft für den Sprint.

REALITY SHOW MODERATOR

Und auch in den Social Media wirken sich diese Entscheidungen aus. Hier postet Lucy aus Unterbach, dass sie das Geheimnisvolle an Kurz liebt. Er ist für sie wie ein Prinz der die dreckige Arbeit anderen überlässt während er sich um Dekoration und Intrigen kümmert. „Türkis ist geiloooo!“ tweetet auch Ulrich aus Favoriten.

Alle schreien: „Gerechtigkeit“, „Zukunft“ und „Sicherheit“ und geben keinen Einblick in die konkreten Pläne die sie darunter verstehen. Gerechtigkeit kann sein, von den Reichen zu den Armen umzuverteilen, es kann bedeuten dass sich Leistung auszahlen soll für die Manager und es kann bedeuten dass die Fremden uns nicht die Arbeitsplätze wegnehmen sollen. Leere Begriffe, die man mit Hoffnung zu füllen versucht. Ja, Hoffnung wird verkauft – kann sich am politischen Markt aber gegen die viel effektivere Methode ANGST kaum behaupten. Leer sind beide Methoden.

Hier unterbreche ich bis zur nächsten Ausgabe. Der Text fließt viel zu ungehemmt. Der Schweiß auch. Wir sehen uns bei Nummer 155.

Für Freitag, den 4. 8. 2017

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